Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer (1996):
Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, Zürich, 333 S.

Systemische Therapie und Beratung sind offensichtlich "erwachsen geworden", wie die beiden Autoren gleich zu Anfang konstatieren. Dies zeigt sich zum einen in der Fülle des mittlerweile erreichten Fundus an Ideen, Verfahren und Forschungsergebnissen, zum anderen an der "erwachsenen" Sorge um die therapiepolitische (und somit letztendlich auch existentiell wichtige) Absicherung als anerkanntes Verfahren. Beiden daraus erwachsenden Aufgaben - ordnend Raum für weitere Entwicklung zu schaffen einerseits, und nach außen wirkendes Renomée zu verkörpern andererseits - ist im Idealfall mit einem guten Lehrbuch gedient.

Ein solches Lehrbuch liegt nun vor mit dem Werk der beiden Autoren, beide Lehrtherapeuten an (konkurrierenden) Ausbildungsinstituten (IF Weinheim/ Heidelberger Institut für systemische Forschung). Den beiden gelingt eine beeindruckende Mischung aus seriöser inhaltlicher Information und ansprechender, verständlicher Form der Darstellung. Bei allem Witz, zu dem sie fähig sind, bleibt stets der Eindruck einer verbindlichen und respektvollen Haltung.

Inhaltlich grenzen die Autoren das Terrain dadurch ein, daß sie sich im wesentlichen auf solche systemischen Ansätze beziehen, die sich mit und seit der Wende hin zu einer Kybernetik 2. Ordnung entwickelten. Dies mag zunächst etwas ungerecht wirken angesichts der immensen Vorreiter-Arbeit und Bedeutung solcher Pioniere wie Minuchin, Satir, Boszormenyi-Nagy oder Stierlin. Andererseits verschweigen die Autoren die Bedeutung dieser "PatInnen" nicht, und verweisen darauf, daß und wie deren Wirken bereits in Fülle dokumentiert ist.

Es folgen informative und die entscheidenden Fragen und Klippen thematisierende Auseinandersetzungen mit Theorie (mit einem Schwerpunkt zu "Problem-Systemen") und mit Praxis als Spannungsfeld "zwischen Wissenschaft, Handwerk und Kunst" (mit 100 Seiten in 8 Kapiteln der anteilmäßige Schwerpunkt des Buches). Die "Vielfalt der Praxisfelder" wird deutlich (Settings und Anwendungsbereiche), ebenfalls die vertiefende Beschäftigung mit kritischen Gegenreden zu systemischen Positionen, sowie mit Fragen der Evaluation. Es ist erstaunlich, mit welch lockerer Frische die Autoren dieses weite Feld bestellen. Für jemanden, der sich das Feld systemischer psychosozialer Hilfen neu erschließen möchte, bietet sich dieses Buch als aufmunterndes Vademecum geradezu an. Aber auch langjährige PraktikerInnen in diesem Metier können ihre Lust daran finden, den im Lauf der Jahre (bildhaft gesprochen) vollgestellten Speicher noch einmal in Ruhe durchzuforsten, bei dem ein oder anderen Stück zu verweilen und möglicherweise sogar Spaß am Aufräumen zu bekommen.

Helm Stierlin äußert in seinem ansonsten beinahe enthusiastischen Vorwort die leise Befürchtung, mit diesem Buch könne nun die "Phase der schöpferischen Anarchie" zuende gehen, die systemische Szene bislang kennzeichnete. Ich glaube dies nicht. Ich glaube, daß es den Autoren mit diesem Buch gelungen ist, sowohl Konventionen als auch Visionen zu ermöglichen. Es ist etwas erreicht, und es geht voran: Das ist die Botschaft, die sich für mich aus diesem Buch ergibt. Die oben skizzierten Aufgaben eines guten Lehrbuchs hat es für meine Begriffe überzeugend erfüllt.

Wolfgang Loth, kopiloth@t-online.de

zurück zur Hauptseite
zurück zu Veröffentlichungen