Rezension erschienen in "Systhema", Heft 3/1998

Ludwig Reiter, Ewald-Johannes Brunner & Stella Reiter-Theil [Hrsg.] 1997.
Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive.
2., vollständig überarbeitete Auflage. Berlin: Springer, 377 S.

Bald nachdem das vorliegende Buch 1988 in der ersten Auflage erschien, wurde sein Titel zu einem geflügelten Wort. Es markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung von interpersonellen Therapiekonzepten: weg von einer externen Sicht auf Mehrpersonenkonstellationen hin zu einer beobachterabhängigen Sicht auf Systemkonstruktionen. Auswahl und Qualität der Beiträge waren beispielgebend, so daß es trotz seines sehr hohen Anschaffungspreises seit einigen Jahren vergriffen war.

Nun liegt eine zweite Ausgabe vor, für die die HerausgeberInnen sich erkennbar viel Mühe gegeben haben. Zum einen betrifft dies die äußere Form. Sämtliche Beiträge wurden in Hinblick auf Lesefreundlichkeit überarbeitet, hervorgehobene Passagen, eingefügte Zusammenfassungen und den jeweiligen Kapiteln vorgeschobene Inhaltsverzeichnisse dienen diesem Zweck.

Zum anderen wurde die Gesamtgliederung gestrafft. Von den ursprünglich 19 Beiträgen wurden 12 übernommen, 4 Beiträge kamen neu hinzu. Aus heutiger Sicht mag vielleicht erst deutlich werden, wie dicht am Puls der Bewegung die erste Auflage war. De Shazers Arbeit über "Therapie als System", sowie Goolishian & Andersons Arbeit über "Menschliche Systeme" gehörten damals zu den ersten deutschsprachigen Übersetzungen dieser AutorInnen! Ludewigs Aufsatz "Problem - "Bindeglied" klinischer Systeme" wurde zu einer Standardreferenz. Diese und andere bewährte Beiträge finden sich natürlich auch in der Neuauflage. Auch wenn sie jetzt nicht mehr dieselben Startschußqualitäten wie damals zu entwickeln vermögen, sind sie weiterhin wichtige und notwendige Quellen.

Was ist inhaltlich neu? Interessant ist, daß drei der vier neuen Beiträge zum Bereich "Therapeutische Praxis" gehören. Reiter faßt seine langjährige Beschäftigung mit depressiven Konstellationen zusammen und diskutiert die Rolle der Angehörigen in der Therapie depressiver Patienten. Hinsch & Steiner bringen neuere Entwicklungen systemischer Paartherapie zur Sprache. Zwei weitere Beiträge machen deutlich, daß auch die Neuauflage aktuellen Entwicklungen auf der Spur ist und sie voranbringt. Tschacher & Brunner zeigen einen Weg, wie synergetische und Selbstorganisationskonzepte mit systemischen Blickwinkeln kompatibel sein können. Dies wird, wie ich es sehe, möglich durch das Aufgreifen endosystemischer Perspektiven. Damit in Zusammenhang kann Schiepeks programmatische Arbeit über das "Ausbildungsziel: Systemkompetenz" gesehen werden. Diese Arbeit begründet die Notwendigkeit "fremdunterstützter Selbstthematisierung" und das Entwickeln "kontextueller Selbsterfahrung". Zusammengenommen ergeben die genannten Arbeiten für mich den Eindruck, daß die rasante Vorwärtsentwicklung systemischer Perspektiven sich zu verknüpfen scheint mit allgemeinen Erfahrungen, die (wie die Bedeutung der therapeutischen Beziehung) zum lange erarbeiteten Fundus seriöser und effektiver (psycho)therapeutischer Hilfen geworden sind.

Zusammengefaßt: Den HerausgeberInnen ist es gelungen, ein herausragendes Buch zu aktualisieren und dabei seine Qualität als bedeutendes Geschichtsbuch systemisch begründeter professioneller Hilfen zu erhalten.

Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach)

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