Kurzfassung erschienen in: Systhema 13, 1999


Fritz B. Simon, Ulrich Clement & Helm Stierlin 1999:
Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular.
Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden (5. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage),
Stuttgart: Klett-Cotta, 453 S.

Die fünfte Auflage in 15 Jahren, weiterhin als hardcover, kein Zweifel: dieses Buch hat sich über alle Modetrends hinweg bewährt. Dem entspricht, was ich an diesem "Vokabular" mag: ein übersichtlicher und gut handhabbarer Aufbau (beginnend mit einer deutsch- und einer englischsprachigen Liste der vorgestellten Begriffe und endend mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis, Personen- und Sachregister). Insgesamt 232 Begriffe werden zunächst kurz definiert und dann unterschiedlich ausführlich näher erläutert. Innerhalb dieser Erläuterungen gibt es Verweise auf andere diskutierte Begriffe. Das alles in einer Ausstattung, die dem erwünschten häufigen Gebrauch nicht nur standhält, sondern ihn erleichtert: es liegt halt gut in der Hand.

Und? Das Buch wird als "völlig überarbeitete und erweiterte Auflage" vorgestellt. Die Autoren weisen im Vorwort darauf hin, daß "die Formulierungen in der Ursprungsversion weit stärker pathologieorientiert waren" als in der vorliegenden Ausgabe. Sie orientieren sich damit an wesentlichen Weiterentwicklungen, die sich auf ein kollaboratives Verständnis therapeutischen Geschehens gründen.

Soweit, so gut. Mein Eindruck ist allerdings, daß die in diesem Buch diskutierte "Sprache" eher eine runderneuerte Darstellung des bis Mitte der achtziger Jahre erreichten Standes der Kunst repräsentiert (1). Wesentliche Neuerungen kommen mir zu kurz. Wenn in dem Abschnitt über "systemische Therapie" weitgehend auf das Mailänder Modell Bezug genommen wird (auch noch eingegrenzt als Form der Familientherapie) gehen wesentliche neuere Aspekte systemischer Therapie verloren (2). Hier scheint mir ein spezifisch Heidelberger bias im Verständnis des "Systemischen" zu wirken, bei dem etwa die Arbeiten von Kurt Ludewig einfach zu kurz kommen.

Ein anderes Beispiel: Lynn Hoffman gehört zu den Autorinnen, auf die am häufigsten verwiesen wird. Bei diesen Verweisen handelt es sich fast ausnahmslos um das 1981 auf deutsch erschienene Buch "Grundlagen der Familientherapie". Dieses, auf den Erfahrungen mit Haley basierende Buch hat nun kaum noch etwas mit den neueren Positionen Hoffmans zu einem kollaborativen Verständnis von Therapie zu tun (3). So gäbe es einige Beispiele, die an der Ankündigung "völlig überarbeitet" zweifeln lassen. Was allerdings stets auf dem neuesten Stand ist, ist die Liste der Heidelberger Literatur! Einer fällt allerdings raus: Gunther Schmidt (Heidelberg) wird in Personenregister und Literaturliste mit Gunter Schmidt (Hamburg) in einen Topf geworfen. Daß innovative Autoren wie Jay Efran, Steven Friedman oder das Trio Duncan, Miller & Hubble außen vor bleiben, mag hierzulande angehen. Daß Günter Schiepek oder Jürgen Hargens "nicht vorkommen" könnte fast als Affront verstanden werden.

Insgesamt: Das Buch und die Autoren haben sich das Longselling verdient. Das Buch ist nützlich und anregend, hilfreich beim schnellen Orientieren und beim Wunsch, etwas von den Entwicklungslinien der Szene zu erfassen. Was es nicht ist: Die Sprache der Familientherapie. Das im Vorwort von den Autoren konzedierte "gestiegene Bewußtsein für die Implikationen von Sprache" dürfte wohl kompatibel sein mit der Präzisierung "...aus Heidelberger Sicht".
 

(1) Ludwig Reiter (1999) Die kognitive Struktur der deutschsprachigen Familientherapie und systemischen Therapie. Vortrag auf der Jahrestagung der DAF - Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie - am 1.10.1999 in Frankfurt/M.

(2) wie sie etwa beim Vergleich der Therapieziele in der Familientherapie (Cierpka et al.) und in der Systemischen Therapie (Ludewig) deutlich werden (in: H. Ambühl & B. Strauß 1999. Therapieziele. Göttingen: Hogrefe; pp. 165-183, 251-275)

(3) Lynn Hoffman (1993/1996): Therapeutische Konversationen. Von Macht und Einflußnahme zur Zusammenarbeit in der Therapie - Die Entwicklung systemischer Praxis (Exchanging Voices. A Collaborative Approach to Family Therapy. London: Karnac). Dortmund  (verlag modernes lernen).

Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach)

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