Phillip
Ziegler & Tobey Hiller 2001:
Recreating Partnership. A Solution-Oriented,
Collaborative Approach to Couples Therapy. New York/London: Norton, 234
S., £ 25,00
Den beiden AutorInnen, sowohl beruflich als auch privat ein Paar, ist
mit dem vorliegenden ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes Buch gelungen.
Es ist nicht nur einleuchtend und nachvollziehbar gegliedert, wie auch
kenntnisreich und schlüssig begründet, sondern liest sich auch
sehr flüssig. Das vorgestellte Konzept einer "Recreating Partnership
Therapy" (RPT) nutzt als Ausgangspunkt eine narrativ begründete Rahmung
in Form eines "gute Geschichte"/"schlechte Geschichte"-Kontinuums. Aufgabe
der PaartherapeutInnen ist es nach diesem Konzept, alle Möglichkeiten
zu fördern, die das Diktat der "schlechten Geschichte" lockern und
die Attraktivität und Wirkkraft der "guten Geschichte" fördern.
"Gut" und "schlecht" sollten dabei weder als diagnostische, noch als moralische
Zuschreibungen mißverstanden werden. Sie beziehen sich ganz praktisch
auf das Ausmaß, in dem die Geschichten die Fähigkeit des Paares
behindern, bzw. fördern, seine Ressourcen und Potenziale zu erleben.
Die beiden AutorInnen beschreiben dabei fünf Möglichkeiten, den
Einfluss "schlechter Geschichten" zu mindern und die Wirkkraft "guter Geschichten"
zu befördern (S.12ff.):
| Normalisieren |
Unterschiede, Konflikte und Enttäuschung
"kommen vor", gehören zum Leben dazu |
| Ressourcen-Neugier |
Die "gute Geschichte" als eine Quelle von Möglichkeiten,
Ressourcen zu entdecken |
| Produktives Zielen |
Dabei unterstützen, handhabbare, "wohlgestaltete"
Ziele zu entwickeln |
| Effektive Mittel (er)finden |
Mittel zum Ziel finden, die tatsächlich
für- und miteinander Unterschiede machen |
| kreative und realistische Herangehensweise |
Nicht alle Differenzen lassen sich überwinden.
Mit manchen Differenzen wird man leben lernen müssen. Die Richtung
heißt: Dem Möglichen eine faire Chance! |
In der professionellen Ausrichtung schöpfen Ziegler und Hiller
dabei aus drei Quellen: aus lösungsorientierten und aus narrativen
Therapiekonzepten, sowie aus dem (immer noch kaum übersetzbaren) "collaborative
language"-Ansatz von Goolishian und Anderson. Daraus ergeben sich für
die AutorInnen folgende Grundannahmen für Paartherapie:
-
Paartherapie sollte auf die Zukunft ausgerichtet sein.
-
Sie sollte sich auf Stärken und Ressourcen konzentrieren.
-
PaartherapeutInnen sollten von der Annahme ausgehen, dass ratsuchende Paare
zeitweise steckengeblieben sind und nicht generell dysfunktional eingerichtet.
-
Das Sprechen über Lösungen erhöht die Wahrscheinlichkeit,
sie zu entdecken, während das Sprechen über Probleme deren Hartnäckigkeit
leicht verstärken kann.
-
Der wirksamste Zugang zur Erfahrungswelt des Paares besteht in der Aufmerksamkeit
dafür, wie die Partner ihren Wahrnehmungen Sinn verleihen (besonders
wichtig z.B. im Hinblick auf subjektive Veränderungstheorien).
-
Und schließlich: Paartherapie sollte konsultativen Charakter haben,
d.h. die Kundigkeit der Hilfesuchenden beachten und Therapie daher so zu
verstehen, dass alle Beteiligten ihre Ressourcen und Fähigkeiten in
Richtung miteinander vereinbarter Ziele zusammenbringen.
Auch Ziegler & Hiller betonen die Wichtigkeit des Herausarbeitens tragfähiger
Ziele. Dabei unterliegen sie jedoch nicht dem Irrtum, Hilfsmittel und Erfolgskriterien
miteinander zu verwechseln. Sie zitieren de Shazer, der darauf hinwies,
es sei "unrealistisch, wenn Therapeuten erwarten, daß ihre Klienten
zu Beginn der Therapie wissen sollen, wo genau sie hinwollen. Wenn sie
das wüßten, bräuchten sie wahrscheinlich keine Therapie.
Aus diesem Grund halten wir es nicht für notwendig, mit den Klienten
(a) eine bestimmte Anzahl von Sitzungen oder (b) bestimmte Ziele oder (c)
das Erreichen bestimmter Ziele als Maß für den Therapiefortschritt
zu vereinbaren. Dies zu tun, würde wiederum die Veränderungsmöglichkeiten
einschränken und begrenzen, es würde die Möglichkeit einschränken,
daß die Klienten etwas erfinden oder entdecken, was sie genauso sehr
oder noch mehr befriedigt als das, an das sie gedacht oder was sie sich
gewünscht haben, als sie ihre Vorstellungen von dem Morgen nach dem
Wunder beschrieben haben" (De Shazer 1996, S.312). Unter Berücksichtigung
dieser Prämissen schlagen Ziegler & Hiller vor, folgende Ziele
als wohlgeformt für Paartherapien zu betrachten (S.78ff.):
-
Die Ziele müssen für beide Partner von besonderer Bedeutung sein:
sowohl für sie individuell als auch für sie als Paar
-
Ziele müssen so formuliert sein, dass es möglich wird, sich auf
sie hin zu bewegen. Es muss möglich sein, sich ohne Umwege auf die
zu konzentrieren.
-
Ziele sollten die Form konkreten, beobachtbaren Verhaltens haben
(so wird es leichter, ihr Erreichen zu verfolgen als in Form von Gefühlen,
Stimmungen oder Einstellungen)
-
Ziele müssen so formuliert sein, dass sie einen interpersonalen Rahmen
bilden
(es muss möglich sein, die Zeile aus dem Blickwinkel des jeweils
anderen zu reflektieren).
-
Ziele sollten in kleine Einzelschritte übersetzt werden: Veränderung
als andauerndes Geschehen, nicht als (einmaliges) Ereignis.
-
Die Ziele müssen von beiden Partnern erreicht werden können:
sowohl praktisch als auch hinsichtlich innerer "verborgener" Meta-Ziele
-
Ziele können sich verändern. Es ist notwendig, die Weiterentwicklung
von Zielvorstellungen während des gesamten Prozesses zu berücksichtigen.
Ziegler und Hiller gelingt das Kunststück, sowohl hinsichtlich der
Anforderungen an eine in sich schlüssige und nachvollziehbare Struktur
zu überzeugen, als auch im Hinblick auf Wünsche nach empathischer
Anteilnahme und persönlichem Zuspruch zu bewegen. Sie illustrieren
ihre Überlegungen und Ansätze immer wieder mit Hilfe von Berichten
aus der Arbeit, teils mit längeren Transkripten, die auch eigene Kurz-Schlüsse
der AutorInnen nicht verschweigen. So gelingt eine Dichte und Glaubwürdigkeit
der Darstellung, die so nicht häufig zu finden ist. Die Diskussion
der Prämissen wie auch das Beschreiben des Handwerkszeugs eignen sich
sowohl zum Einstieg in die Materie als auch zum in dieser Form nie langweiligen
Wiederholen für Fortgeschrittene. Das Buch sollte unbedingt und bald
ins Deutsche übersetzt werden. Wer ressourcenorientiert mit Paaren
arbeiten will, wird von diesem Buch nicht nur beim ersten Lesen profitieren.
Lit.:
S. de Shazer (1996). "...Worte waren ursprünglich
Zauber". Lösungsorientierte Therapie in Theorie und Praxis Dortmund:
verlag modernes lernen
November 2001:
Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)
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